KAMPFLIED

KAMPFLIED

KAMPFLIED

Nur klagen, reden, lamentieren
bringt es nicht
ob Kabarett
als Wochensklave
oder in Beamtenpflicht

Wir müssen denen
die da meinen
„Anders geht es nicht!“
beispielhaft und täglich zeigen
was Gerechtigkeit entspricht

Und es heiße
– die Erkenntnis
tausend Jahre alt:
jede herrschend Klasse
zeigt statt Einsicht
nur Gewalt, nur Gewalt

Also reich, in dunkler Stunde
all den Schwachen
deine Hand
lass uns starten, gleich von hier aus
leuchten Sterne
aus Verstand

ernst.bohne 2013 (Text)
Julia Keppeler 2013 (Illustration)

KLIMALÄSE

KLIMAKÄSE

KLIMAKÄSE

Die Grachten von Amsterdam
sind vereist
mitten im Mai

Was nun, was tun?
der Fremdenverkehrsverein
holt Hilfe herbei

Ein gelehrter Meneer verspricht
er kenne die Lösung
ihm käme ein Licht

Man reibe die glatten Flächen
mit Käse ein
das Eis würde brechen

Doch was der Meneer auch testen tut
Edamer, Gouda, Old Amsterdam
nichts wirket – die riechen zu gut

Da eilet aus Frankreich Hilfe herbei
denn Roquefort, Maroilles und reifer Camembert
stinken gar sehr

Doch wie sie’s versuchen
kneten und reiben, über eisige Schicht
es schmilzt einfach nicht

Die größte Käsenation
wen wundert’s
ahnte dies schon

Und so schicket die Schweiz
ihren erfahrensten Käsebohrer
einen gewissen Herrn Leitz

Der löchert nun das gefror’ne Wasser
Touristen freut’s, Grachten werden nasser
gerettet, das idyllische Paradies
weil einer den andren machen ließ

ernst bohne 2013 (Text/Foto)

MOMENTE EINES RIESINENLIEBHABERS

MOMENTE EINES RIESINENLIEBHABERS

MOMENTE EINES RIESINENLIEBHABERS

Den Marktstand überragend — mit Jutetasche
kauft sie Tonnen von Oliven, Käse, Brot
er als Kletternder am Tragegurt
diesen meterlangen Rücken
bis zu ihrem duftend Nacken hoch

Tanz auf Besenborstenwimpern
Kitzel an den Sohlen
fällt lachend auf die Nase
will tauchend ihre Blicke
aus kratergroßen Tiefseeaugen
holen

Sie schnippt unabsichtlich grob
(auf Zeit)
fast jede seiner Flausen aus
»Das, mein wirscher Däumling …«
schreit die Riesin flüsternd
»… spar dir hübsch für später auf«

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

AN DEN RAMPEN LINKS

AN DEN RAMPEN LINKS

AN DEN RAMPEN LINKS

Baron Eisenblum
fliegender Panoptikumbetreiber
macht in eingelegte Echsen
allerlei Kuriositäten
deformierte Leiber

Da kräht Sebastian
(halb Mensch, halb Hahn)
aufgelesen in ’nem Waisenhaus
gleich neben der Vitrine
mit der Fußnägelsammlung
von Franz-Josef Strauß

Vor dem Mittelpfeiler
thront eine tausend Jahre alte
fast verblich’ne Tropenkönigin
die muss man täglich dreimal gießen
‒ sonst isse hin

Riko der Große
das Medium aus Stettin
tut sich selber hypnotisieren
und gegen Aufpreis
Backenzähne zieh’n

Ganz fiese Mütter
wie die vom kleinen Hans
drohen Kindern:
»Wenn nicht artig bist,
entführt dich der Baron
ins ZDF… zu Markus Lanz.«

Falls du mal hinwillst
einfach an den Rampen links
Formaldehydgeruch
dann kommt die Wagenburg
ich schwör, das bringt’s!

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

REISEN MIT DEN SCHMITTS

REISEN MIT DEN SCHMITTS

REISEN MIT SCHMITTS

Samstagabend
Autobahn
Hamburg nach Kirchhellen

Gedanken
die sich ähnlich war‘n
jenseits vom Verstellen

Geruchsarmada
lodernd Äste
kapern unsre Sinne

Seitenfenster
Osterfeuerfeste
‒ halten inne

»Schön,
wenn man zusammenfindet,
in kalten Zeiten. So im Kreis!«

»Gutes,
nie aus Bräuchen schwindet«
murmeltest du leis

Kassettenradio
Charleston Ente
unentwegt: The World Won‘t Listen

Gelegentlich
sind Momente
wie ein großes weiches Federkissen

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

BEFEHL UND FOLGE

BEFEHL UND FOLGE

BEFEHL UND FOLGE

In Timbuktu, gestern
auf den Knien, im Sand
erhält sie hundert Peitschenhiebe

Da ein
wirklich irres Männlein fand
dass Wahrheit in den Schriften liege

In Köln, gestern
christlich Unverstand
sitzen ähnlich Freiheitsdiebe

Entrechten Frauen
aus diesem Land
im lügend Kleid der Nächstenliebe

Nun zeigt man mit dem Finger gern
was fremd scheint und weit weg
doch blinder Glaube ist und bleibt
auf jeder Seite: Macho-Dreck

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

 

ALEXANDER SCHWIMMANSTALT

ALEXANDER SCHWIMMANSTALT

ALEXANDER SCHWIMMANSTALT

Ganze achtundsechzig Monate
ist der Alexander alt
zappelt oben auf dem Brett
unten raunt die Schwimmanstalt

In sonorem, fordernd Ton:
„Kleena Alexander
– komm,
jetzt spring doch schon“

Und dann steht er
für Sekunden, in der Luft
mit ihm alle Herzen
sind total verblufft

Aus der Tiefe, taucht er
an den Beckenrand
Mütter, Mädchen, Männer
reichen ihm die Hand

„Jetzt müsst ihr selber springen,“
ruft er mutig, etwas kalt
„nennt mich ab sofort:
Alexander Schwimmanstalt.“

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

SAINTES MARIES DE LA MER

SAINTES MARIES DE LA MER

SAINTES MARIES DE LA MER

Zwischen Schnee und Eis
träumt es sich leis
an die Côte d’Azur
und alles dafür
Ende Mai zu feiern

Strom der Pilger
hochgehaltene Bilder
Reliquie der Kartenlegerin
missionarische Seelenpflegerin
schwarze Sara

Zur Musik in Paraden
ist‘s tiefes Laben
im Willen sesshaft
suchend jene Kraft
die sich verspricht

Und so sind wir
bist Du
ich

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)