ALS

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ALS
(ERSTER TEIL)

Als das Geld
nichts mehr wert
begannen einige
es zu fressen

Erstickten
erkrankten daran
letztendlich
Petitessen

Denn Tags drauf
wart auch
der Strom
nimmer mehr

Wilde Rotten
Schaufenster
geplündert
alles leer

Koffer packen
Räder
zusammen
auf’s Land

Kennst ’nen Bauern
bist Bäcker
lern‘ Jagen und
so allerhand

In Städten
Geschrei
Wutaugen
viel Blut

Wir halten
Nachtwache
gefeit
auf der Hut

ernst.bohne 2013 (Text)
Julia Keppeler 2013 (Bild)

DAS LADURÉE VON GOSTENHOF

Das LADUREE VON

DAS LADURÉE VON GOSTENHOF

Im Ladurée von Gostenhof
kleines Lädchen „Hamurcu“
walken sie so kunstvoll Teig
hexen Süßes immerzu

Die zauberhafte Etalage
drückt Kindernasen platt
farbenfrohe Naschereien
streicheln Seelen glatt

Auch hochgestellte Große
erkaufen sich ihr Glück
holen für Sekunden
Sternstunden zurück

Zu Ramazan, stehen sie
zweimal um den Block
vollgestopfte Tüten
tickend Zuckerschock

Die Rue Royal von Gostenhof
heißt holprig: Nützelstraße
das klingt nach nichts
(hat aber viel)
betrachtet man’s mit Maße

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

SPIEGELHAUS

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SPIEGELHAUS

Innen kühle Wände
leise Melodie darin
Dur reicht Moll die Hände
Größe der Gewinn

Schreiten über Schwellen
knarzen lauter Sinn
Gedanken richtigstellen:
Was, warum und wie dahin

Grünste Sommerpromenade
Lippen. Luftkuss. Kinn.
Spalier wie Limonade
Cliffhanger. Cut. Beginn.

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

EINE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE

EINE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE

EINE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE
oder
DIE BALLADE VON KAPITÄN JOHANSON

Kapitän Johanson
von der „MS Schlafhormon“
ist’s heut so blümerant
fällt über die Reling
schwimmt Schlangenlinien zum Ufer
speit vor panischen Badegästen
auf salzigen Nordseestrand

Der hiesige Strandkorbverleiher
vernimmt das Gereiher
schreitet beherzt durch den Sand
reicht dem Captain sein Tuch
und bemerkt trocken:
»Du bleibst man besser an Land!«

Nach nötiger Rekonvaleszenz
Rat befolgend in aller Konsequenz
doch halb im Wahn
heuert Johanson
für ’ne Buddel Rum
nebst Logis
in Lottis Spelunke an

Durch angeklebten Bart
rauchende Pfeife parat
unter träumend glasigen Augen
spinnt er
fortan
frisches Seemannsgarn
─ soll wohl Touristen taugen

Um die „MS Schlafhormon“
allerhand knifflige Situation
Piraten, Meuterei, dem großen Klabauter
drehen sich Geschichten
aber in den Nächten
ruft die See
wird das Fernweh lauter und lauter

Der Strandkorbverleiher
organisiert die Abschiedsfeier
Hein spielt Schifferklavier
dann
verschwindet der Kapitän
am Horizont
mit selbst gefaltetem Schiff aus Papier

Johanson sah man nie wieder
dies bezeugen viele Lieder
alles bare Münze, was ich hier sag:
Denn manchmal glitzert
bei Vollmond ein Schimmern
an jener Stelle
wo der Seebär sich einst übergab

ernst.bohne 2013 (Text)
Julia Keppeler 2013 (Illustration)

AUGUST IN DER STADT

AUGUST IN DER STADT

AUGUST IN DER STADT

Die Mädels aus dem Viertel
tragen alle Dutt
und fahren
schutzblechloses Rennrad

Deren Freunde heißen immer
Sven oder Tom
und pflegen
förmlich ihren Vollbart

Wo sind im August, sag
die Sandler
die sonst
täglich an der Brücke steh’n

Die so allerhand besprechen
mit weißen Socken
in Adiletten
selten aus dem Wege geh’n

Im Tucherland, meinst Du
drei Wochen
All Inclusiv
jeden Tag gibt’s Voll-Pension

Bei allem, denk ich
was mich reizt
dies Ferienziel
mein Bester, kenn ich schon

Es erstarren
„Stell dich mal dahin“-Touristen
müde grinsend
stundenlang am Henkerssteg

Die Pegnitz
scheint heute auch verreist
nur ich
mein Schatz, such noch den Weg

Dann find ich ihn
bin frech
wie allerletzte
frisch verkündet
Sonnentage

Genieß‘ unten im Grün
die Frische
atme ein:
So kommt man schließlich
in die Jahre

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)

HERBSTGEDICHTE

HERBSTGEDICHTE

 

HERBSTGEDICHTE

Ich schreibe keine Herbstgedichte
Herbstgedichte schreib ich nicht

Nichts vom Baume
dem rostig bunt sein Kleid verweht
über meine Lippen kommt kein „Oktobergold“
nur weil die tiefe Sonne
kraftvoll winkend früher geht

Ich schreibe keine Herbstgedichte
nö, Herbstgedichte schreib ich nicht

Kein Wort von morgendlichem Frösteln
wenn der erste Reif sich niederlegt
erwähne nicht den Riss im Schirm
an dem ein Regentropfen tanzend klebt

„Magst Du noch etwas näher kommen?“
zwischen uns wird’s so lebendig warm
ahnst Du Kälte um die Ecke klirren
hak Dich ein, hier ist mein Arm

Ein Drache teilt für uns den Himmel
den Himmel teilt für uns ein Drache aus Papier
heut ist das Leben wie ein Herbstgedicht
im Herbstgedichte wandeln wir

Dichte flauschig Wortpullover
flauschig Wortpullover dicht ich Dir
weil wie in Deinen langen Haaren
ich mich in Zeilen gern verlier

Ich liebe Herbstgedichte
Herbstgedichte liebe ich

ernst.bohne 2013 (Text)
Daniel Porst 2012 (Foto)

LIEBSTES OMILEIN

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LIEBSTES OMILEIN

Haben heut die Oma rausgeholt
aus dem Schuppen
in dem sie lebt

Heut haben wir die Omi rausgeholt
in den Schaukelstuhl gesetzt
wo sich Zeit verwebt

Dies ward bei hellster Sonne
so circa um
die Mittagszeit

Wir haben heut die Oma rausgeholt
mit Hilfe schlüpfte Omi
in ihr allerfeinstes Kleid

Heut ist kein Arzt mehr da
um ihn mit Brot und Speck
für nötige Arznei zu zahlen

Die Oma haben wir heut rausgeholt
nach all den langen
neuen, dunklen Jahren

Oma schaut uns aus trüben Augen an
lacht grummelnd gründlich
hin und wieder

Wir holten heut die Oma raus
und sangen tränend
ihre Lieblingslieder

Oma, liebstes Omilein
es ist soweit, drum
bringen wir dich
wieder rein

ernst.bohne 2013 (Text)

Julia Keppeler 2013 (Bild)

WIR SIND DEIN VOLK

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WIR SIND DEIN VOLK

Ach du heilige Sankt Angela
nimm unser Schicksal
in Deine heilend Hände
Dir vertrauen wir uns an

Wach hoch über Germania
mach Sparbücher sicher
es gibt niemand außer Dir
der uns beschützen kann

Sind Deine Claqueure
„Hurra, Hurra, Hurra!“
unfehlbar, siegessicher
ach du heilige Sankt Angela

Freiheit, das ist Schweinefleisch
gib uns jeden Tag davon
steigst noch höher in der Gunst
wie ein gasgefüllter Luftballon

Perle aus der Uckermark
zieh die Zäune hoch
wir haben große Angst
vorm schwarzen Mann

Zeig der Welt den Schritt
nimm’s den Schwachen
gib’s den Starken
weil wer will, der kann

Ach du heilige Sankt Angela
das Paradies ist unser – ganz allein
lenke die Geschicke
wollen deine Untertanen sein

ernst.bohne 2013 (Text/Foto)